Page 3 - Berner Nachrichten Zentrum Ost - KW 45 - 2025
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DIENSTAG, 4. NOVEMBER 2025                                                                                                                                    SEITE 3





                                                    FORTSETZUNG


          Was wären die Folgen?
          Wir müssten einen Kredit auf-
          nehmen oder Firmenanteile                                                                             Mit spitzer Feder …
          verkaufen. Dann wäre die Unab-
          hängigkeit weg. Eine Bank oder
          ein Investor denkt kurzfristig in
          Renditen, nicht in Generatio-
          nen. Damit ginge das langfris-
          tige Denken eines Familienbe-                                                                                           «Einer für alle –
          triebs verloren.
                                                                                                                                  alle für einen»
          Das würde sich ja bei jeder Ge-
          nerationenübergabe wiederho-
          len.                                                                            Bilder: EMCH Aufzüge AG / zVg
          Ja. Etwa alle 30 Jahre würde Ka-  In der Berner Produktionshalle entstehen massgeschneiderte Aufzüge – entwi-
          pital abfliessen, das dann in der  ckelt, gefertigt und montiert in Schweizer Präzisionsarbeit.       Haben Sie Geschwister? Ich habe  acht Jahren das Zimmer zusam-
          Firma fehlt. Dieses Geld sorgt                                                                        einen jüngeren Bruder und zwei  men geteilt und uns oft gegen-
          heute für Wachstum, Arbeits-     mit Ressourcen um. Beim Kli-     Familienunternehmen dort            jüngere Zwillingsschwestern. Sie  seitig Wärme, Trost und Gebor-
          plätze und Innovation – nicht  maschutz sind alle gefordert –  praktisch verschwunden. Für            sind für mich das grösste Ge-  genheit gegeben, wenn unsere
          für private Bereicherung. Wenn  nicht nur ein paar Reiche.        uns ist das geschäftlich eine       schenk im Leben – ein Sechser  Mutter mal wieder mit dem Le-
          es zum Staat fliesst, kann es                                     Chance, wir haben Kunden in         im Lotto. Wie ich im Laufe der  ben überfordert war. Und dann
          dort nichts mehr zur Weiterent-  Was würde die Annahme der In-    Frankreich. Aber es zeigt, was      Jahre feststellen musste, ist dies  nach vier weiteren Jahren kam
          wicklung beitragen.              itiative für die Schweizer KMU  passiert, wenn man es mit den        absolut nicht selbstverständ-  Verstärkung im Doppelpack: Un-
                                           bedeuten?                        Steuern übertreibt.                 lich und ein grosses Privileg.  sere beiden Zwillingsschwestern.
          Armengenössig sind Sie ja nicht.  Sie würde viele Familienbetriebe                                    Geschwister liebe ist eine ein-  Die Überraschung war gross.
          Die Juso denkt, Sie sollten etwas  treffen. Schon heute machen  Eine Umfrage von Swissmem,            zigartige Verbindung, die man  Wir lagen in unseren Betten und
          abgeben.                         sich Unternehmerinnen und  dem Branchenverband der                   nicht kopieren oder reproduzie-  Vater weckte uns, zog die Vor-
          Ich wüsste nicht, was. Wir woh-  Unternehmer Gedanken, ob sie  Tech-Industrie, zeigt: Über 300        ren kann. Wir vier Geschwister  hänge auf und erklärte uns, dass
          nen in einem Einfamilienhaus,  Kapital oder Produktion ins Aus-   der Mitgliedfirmen wären be-        haben so eine tiefe Akzeptanz  wir  nun  zwei Geschwisterchen
          ja – aber sonst steckt alles in  land verlagern. Die Unsicherheit  troffen. Eben auch Sie.            und eine tiefgreifende Liebe für-  bekommen hatten. Wir fanden
          der Firma. Wenn wir verkaufen  ist gross. Dabei sind KMU das  Das deckt sich mit meinen Be-           einander, die man mit keiner an-  es toll. Es war für uns ein lebens-
          müssten, wäre die nächste Ge-    Rückgrat unserer Wirtschaft.     obachtungen.  Viele  Betriebe       deren Liebe vergleichen kann.  langer Volltreffer.
          neration dann wahrscheinlich                                      haben einen ähnlichen Aufbau        Niemand wird mich jemals in der  So  spielte ich als Siebenjährige
          wirklich reich. Aber die Arbeits-  Sie haben  diesbezüglich in  und wären ebenfalls gefährdet.        Ganzheit kennen, wie meine Ge-  nicht mehr mit Puppen, sondern
          plätze wären weg. Viele Fami-    Frankreich eine schlechte Ent-                                       schwister es tun, noch nicht mal  mit Babys. Mutter schob mir je-
          lienbetriebe in unserer Branche  wicklung verfolgt.               Was geben Sie jungen Menschen       unsere Eltern. Wir teilen nicht nur  weils ein Baby zu und dann galt,
          wurden verkauft, die Produk-     Dort gibt es eine Erbschafts-    mit, die meinen, mit dieser Initia-  eine gemeinsame Vergangen-    es zu «schöppelen», zu wickeln, zu
          tion dann ins Ausland verlagert.  steuer – weniger streng als die  tive das Klima zu retten?          heit, sondern haben uns in jeder  beruhigen etc. Daraus entstand
                                           Juso-Initiative. Trotzdem sind  Ich verstehe ihre Sorgen. Aber       Lebensphase neu kennen ge-     eine ganz innige Beziehung zu
          Die Juso begründet die Initiative                                                                     lernt, aneinander gewöhnt und  meinen Schwestern. Sie entpupp-
          mit Klimaschutz. Was tun Sie für                                                                      immer wieder eine Liebe fürein-  ten sich als starke, eigenständige,
          Nachhaltigkeit?                                                                                       ander entwickelt. Unsere Biogra-  äusserst widerständige und geer-
          Schon, dass wir hier in der                                                                           phien mit einer oftmals überfor-  dete Einheit, die den Familiendy-
          Schweiz produzieren, ist nach-                                                                        derten, cholerisch veranlagten,  namiken erfolgreich trotzte. Ich
          haltig. Unsere Aufzüge halten                                                                         narzisstischen Mutter und ei-  war ein sehr schüchternes, ängst-
          bis 50 Jahre und werden moder-                                                                        nem harmoniesüchtigen, zu-     liches Kind. Sie waren – obwohl
          nisiert statt ersetzt. Wir inves-                                                                     rückhaltenden aber liebenswer-  einige Jahre jünger – immer eine
          tieren in Energieeffizienz, betei-                                                                    ten Vater hat uns so geprägt,  starke Unterstützung und ein si-
          ligen uns an Zielvereinbarungen                                                                       dass wir zu einem vierblättrigen  cherer Hafen für mich. Wir vier
          des Bundes und an der Berner                                                                          Kleeblatt zusammengewachsen  Kinder verbrachten viel Zeit mit-
          Klima-Plattform der Wirtschaft.                                                                       sind. Wir sind ein Team, das sich  einander  und  erlebten  viel  zu-
          Nachhaltigkeit gehört zu unse-                                                                        perfekt ergänzt, und an einem  sammen. Auch später, als jeder
          rer DNA.                                                                                              Strick zieht – inklusive der beiden  von uns mit seinem eigenen Le-
                                                                                                                Schwager. Eine kraftvolle Einheit  ben beschäftigt war, und seine
          Reiche seien für die Klimakrise                                                                       ganz nach dem Motto «Unus pro  eigenen Erfahrungen machte,
          verantwortlich, so das Mantra                                                                         omnibus, omnes pro uno», zu  seine eigenen Kämpfe focht, trug
          der Juso.                                                                                             Deutsch «Einer für alle – alle für  uns unser zartes aber resistentes
          Das ist zu einfach. Sind es die                                                                       einen».  Dieser Leitspruch trägt  Band der Freundschaft durchs Le-
          Superreichen, die Zelte an Fes-                                                                       uns zuverlässig durch unsere Le-  ben und funktionierte immer als
          tivals stehen lassen oder Gum-                                                                        ben, in Krisen wie auch in guten  zuverlässiger Kitt in einem dyna-
          miboote wegwerfen? Es ist ein                                                                         Zeiten. Solidarität und Zusam-  mischen System.
          Wohlstandsproblem. Uns in der                                                                         menhalt ist für uns alle selbst-  Und  heute:  Mutter  und  Vater
          Schweiz geht es gut, und genau  Ein Spezialaufzug von EMCH in Paris: Schweizer Ingenieurskunst im internatio-  verständlich. Alle sind wir abso-  sind  gestorben.  Wir  haben  ge-
          deshalb gehen wir oft sorglos  nalen Einsatz.                                                         lut ehrlich, loyal und grosszügig.  meinsam alles administrative
                                                                                                                Wir hören einander zu und be-  Notwendige mit Behördengän-
                                                                            die Lösung liegt nicht im Um-       gegnen uns auf Augenhöhe –  gen, Hausräumung, Abklärun-
                                                                            verteilen, sondern in Innova-       immer.                         gen und Nachlassregelung, etc.
                                                                            tion. Wir brauchen Technologie,     Ich bin die Älteste. Ich erinnere  in die Wege geleitet. Dabei kom-
                                                                            Digitalisierung, intelligente Sys-  mich noch genau daran, als  men die Stärken eines jeden von
                                                                            teme, um Ressourcen zu sparen.      mein Bruder zur Welt kam: Als  uns zum Zug – bestens aufeinan-
                                                                            Das gelingt nur mit einer libera-   Dreijährige schaute ich durch  der abgestimmt. Unsere harmo-
                                                                            len Privatwirtschaft. Wenn der      das Glasfenster der Babyvitrine  nische Geschwisterbeziehung
                                                                            Staat die Kontrolle übernimmt,      im Spital Langenthal: Die Säug-  bewährt sich auch in turbulenten
                                                                            geht alles langsamer und weni-      lingsschwester zeigte dieses  Zeiten und lebt vom Respekt vor
                                                                            ger effizient.                      kleine, rote, fleischige, weinende  Individualität und dem Schaf-
                                                                                                                Bündel mit den stahlblauen Au-  fen einer positiven Atmosphäre.
                                                                            Ihr Fazit?                          gen. «Was machen wir nun da-   Ich bin unendlich dankbar, und
                                                                            Die Initiative will Reiche bestra-  mit?», war meine erste Frage an  fühle mich gesegnet, mit meinen
                                                                            fen, trifft aber die Falschen. Sie   meinen Vater. «Er gehört nun  Geschwistern (und den beiden
                                                                            hemmt Innovation, gefährdet         zu uns», so die lakonische Ant-  Schwager) solche zuverlässigen
                                                                            KMU und schwächt den Wirt-          wort.  47  Jahre  sind vergangen  Freunde fürs Leben geschenkt
                                                                            schaftsstandort. Ich vertraue       und wir haben viel miteinander  bekommen zu haben. Was kann
                                                                            darauf, dass das Stimmvolk das      erlebt. Als Kinder hatten wir ge-  mir so noch passieren im Leben?
                                                                            erkennt – und die Initiative ab-    meinsam viel ausgeheckt, ge-
                                                                            lehnt.                              spielt, manchmal gestritten, –                    Herzlichst,
                                                                                  Interview: Michael Perricone  aber hauptsächlich hatten wir            Ihre Corinne Remund
          Historische Aufnahme der Gewerbezone Sulgenbach in Bern – hier begann vor                             Spass. Wir haben in den ersten              Verlagsredaktorin
          145 Jahren die Erfolgsgeschichte der EMCH Aufzüge AG.               www.swissmem.ch/juso-nein
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